Heute schon Energie getankt?

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 1

Ich habe einen Gastbeitrag geschrieben für das Magazin „Achtsames Leben“, der in der Frühjahrsausgabe 2019 erschienen ist und auch im Internet auf dem Blog der Seite zu lesen ist. Da der bisher hier gebloggte Link mittlerweile nicht mehr direkt zu dem ersten Teil des Beitrags führt sondern lange gescrollt werden muss, kann der Text auch direkt hier gelesen werden. Das Magazin ist eine kostenlose Auslage, somit entsteht dem Verlag kein Nachteil.

Der zweite Teil mit dem Fokus auf Natur als Ressource in Coaching und Therapie erschien in der Sommerausgabe und kann hier nachgelesen werden sowie in einem weiteren Blogbeitrag auf meiner Seite.

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 1

Von Achtsamkeit bis Naturtherapie – die Wirkung von Naturaufenthalten in verschiedenen Kontexten 

„In every walk with nature one receives far more than he seeks.“ John Muir

Frische Luft, ein Gang ins Grüne – Rausgehen tut gut, das ist allgemein bekannt. Seit jeher suchen Menschen instinktiv in der Natur nach Ruhe, Klarheit und Inspiration. Waren es in der Vergangenheit meist eher spirituelle Beweggründe, so ist es heute im Kontext unserer beschleunigten Lebenswelt vornehmlich die Suche nach Erholung und Entspannung. Neben den klassischen Natursportarten finden mittlerweile auch andere Aktivitäten vermehrt den Weg nach draußen: Yoga und Achtsamkeitstraining im Freien, Waldbaden, Naturcoaching, Naturtherapie u.v.m.. Aber was ist dran an dieser Naturkomponente und wie viel Potenzial hat sie? Wie wirkt Natur und kann sie uns helfen, unsere seelische und körperliche Gesundheit zu unterstützen, ja sogar uns persönlich weiterzuentwickeln? Ist es ein Unterschied, ob der gewählte Naturraum reine Kulisse ist, ob wir ihm ganz bewusst mit allen Sinnen begegnen oder ihn sogar als Resonanzraum nutzen, der uns unsere inneren Prozesse spiegelt?

In dieser und in der nächsten Ausgabe werden diese Fragen aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Der folgende Teil stellt zunächst die rein physiologischen Wirkungen vom „Draußen-Sein“ dar und erörtert die Verbindung von Achtsamkeit und Naturaufenthalten. Der zweite Teil beschreibt die Bedeutung von Naturaufenthalten als Ressource in Coachingprozessen sowie im therapeutischen Kontext.

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Wie wirken Naturaufenthalte auf Körper und Psyche?

Schon das reine „Draußen-Sein“ führt je nach Umgebung zu verschiedenen positiven Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, genauer gesagt zu physiologischen Reaktionen unseres Körpers. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen belegt mittlerweile die gesundheitsfördernde Wirkung von Naturaufenthalten. Bereits länger bekannt ist, dass Blutdruck und Puls sinken und das Stresshormon Kortisol abgebaut wird. Dass moderate UV-Sonnenstrahlung die Bildung von Vitamin D anregt, was neben der Minimierung von Gefäß-, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch Stimmung, Konzentrationsfähigkeit sowie die Immunabwehr fördert. Dass Tageslicht aufgrund der Synthese von Melatonin und Serotonin vitalisierend wirkt und dass Luftqualität und kalt-warme Temperatureinflüsse positiven Folgen für die Gesundheit haben.

Wiederholt wurde auch eine Auswirkung des Kontakts mit der Mikroflora nachgewiesen: Ein Beispiel ist das Einatmen sogenannter Terpene bei Waldaufenthalten. Diese von Nadelbäumen verströmten Abwehrstoffe wirken antibiotisch gegen Schädlinge und sind verantwortlich für eine vermehrte Produktion von Killerzellen im menschlichen Blut – das Immunsystem verbessert sich.

Auch die Wirkungsweise der Natur auf unsere Psyche beschäftigt seit Jahrzehnten die Wissenschaftler: Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Naturerleben und Stressreduktion, wie genau funktioniert der Entspannungseffekt von Naturaufenthalten? Bereits in den 90ern entwickelten dazu amerikanische Umweltpsychologen zwei Theorien:

Die Psychoevolutionäre Stresstheorie

Die Psychoevolutionäre Stresstheorie von Roger Ulrich basiert auf der Erkenntnis, dass offene, strukturierte Landschaften mit Bäumen Menschen ein großes Sicherheitsgefühl verschaffen. Dieses Gefühl stimuliert einen wichtigen Teil des vegetativen Nervensystems, den Parasympathikus und sorgt so für Entspannung. Laut Rogers verursacht ein positives Interesse an einer Landschaftsszene positive Gefühle (Gelassenheit, Sicherheit, Wohlbefinden) und eine Normalisierung physiologischer Parameter (Blutdruck, Herzfrequenz und Muskelspannung), wodurch ein Erholungseffekt entsteht. Dieser ist evolutionär bedingt und funktioniert vor allem mit visuellen Reizen aus einer Kombination von offenen Flächen, erkennbaren Mustern und Gewässern. Demnach werden Landschaften bevorzugt, die in der menschlichen Phylogenese offenbar die besten Überlebenschancen boten (moderate Komplexität, Fülle, Übersicht, Schutz, Aussicht auf Wasser und Nahrung etc.).

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Die Attention Restoration-Theory (Aufmerksamkeitserholungs-Theorie)

Die menschliche Kapazität zur bewussten und gerichteten Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Fokus ist begrenzt. Daher kann die permanente Verarbeitung von Informationen schnell zu einer mentalen Erschöpfung führen. Die Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan stellten die Theorie auf, dass beim Naturerleben Reize unwillkürlich und spontan wahrgenommen werden, was uns eine anstrengungslose Aufmerksamkeit ermöglicht und damit einen Erholungseffekt generiert.

Damit eine Umgebung entspannend sein kann, muss sie den beiden Forschern zufolge bestimmte Kriterien erfüllen. So z. B. die Möglichkeit, einen mentalen Abstand von Routine und Pflichten einnehmen zu können. Dies erfordert nicht zwingend eine örtliche große Entfernung – für manche reicht der See in der Nähe oder der Park vor dem Haus. Eine wichtige Rolle spielen hier wohl auch Kindheitserfahrungen: Oft suchen wir als Erwachsene den Naturraum, der uns als Kind bereits wichtig war. Eine entspannende Umgebung muss bereithalten, was wir gerade suchen: Ruhe, eine Möglichkeit zum Spazieren, eine schöne Aussicht. Auch eine gewisse Weite sollte sie vermitteln. Zudem erholen wir uns leichter, wenn uns eine Umgebung fasziniert.

Bei der Erforschung der Wirkung verschiedener Landschaftstypen wiesen Umweltpsychologen nach, dass neben Geräuschen und Düften auch die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts unser Wohlbefinden beeinflussen: Die im Wasser gespiegelten Blautöne des Himmels senken nachweislich Blutdruck und Puls und stehen damit für Entspannung und Ruhe. Die Farbe Grün wirkt ebenfalls beruhigend und erholsam.

Naturaufenthalte unterstützen also sowohl unsere körperliche Vitalität als auch unsere psychische Entspannung. Aber macht es denn einen Unterschied mit welcher Haltung wir draußen unterwegs sind?

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Das Konzept der Achtsamkeit in Verbindung mit Naturaufenthalten

Die Wirkung der Natur ist abhängig davon, wie wir ihr begegnen. Achtsamkeitspraxis in der Natur bedeutet, Natur nicht als Kulisse zu nutzen, sondern in Kontakt mit der Natur zu gehen, sich darauf zu konzentrieren, was sie in einem selbst auslöst. Eine achtsame Wahrnehmung der Natur kann eine Brücke ins „Hier und Jetzt“ sein. Allein die offene Struktur von Naturräumen fordert uns ständig zu einer wacheren Aufmerksamkeit und Präsenz auf. Alle Sinne werden intensiver, die eigene Wahrnehmungskapazität wird bereichert und die objektive Außenwelt kommt differenzierter zum Ausdruck. Diese Schärfung des Bewusstseins führt zu einer Vergrößerung des Wohlbefindens.

Das Prinzip Achtsamkeit erfährt in der psychologischen Forschung verstärkt Beachtung; viele Studien weisen u.a. eine Verminderung von Stress, Verstimmung, chronischen Schmerzen sowie die Abschwächung psychischer Störungen nach. Die Erklärungsmodelle seiner psychotherapeutischen Wirksamkeit zeigen Parallelen zur „Attention Restoration Theory“. Kaplan selbst postuliert, dass der Wechsel zum anstrengungsfreien Aufmerksamkeitsmodus sowohl über die Umwelt als auch über meditative Geisteshaltungen geschehen kann und sich beide Methoden ergänzen können. Die anstrengungslose Ausrichtung der Aufmerksamkeit ist offenbar die gemeinsame Basis von Achtsamkeit und Naturerfahrungen.

Eine Tradition medizinischer Interventionen durch Achtsamkeitsübungen in der Natur existiert bisher nur in Japan und Südkorea. 1982 prägte das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei den Begriff „Shinrin-yoku“ (Waldbaden), was meist in informellen Formen der Achtsamkeit praktiziert wird (achtsames Gehen, sitzen und wahrnehmen, atmen). Zur wissenschaftlichen Belegung der vermuteten gesundheitlichen Einflüsse wurden ganze Forschungszweige gegründet. Viele der oben beschriebenen positiven physiologischen Körperreaktionen gehen auf diese Forschungen zurück, deren Erkenntnisse in Asien zur Gründung richtiger Waldtherapie-Zentren führten. Auch in Europa findet dieses Wissen mittlerweile vermehrt Anwendung.

Doch auch wenn dem Waldbaden mehr zugrunde liegt als einfaches Spazierengehen im Wald, nämlich ein bewusster, intensiver Zugang zur Waldatmosphäre, gibt es noch relativ wenig wissenschaftliche Studien, die einen direkten Zusammenhang von Achtsamkeit und Naturerleben belegen können. Klar ist aber, dass Achtsamkeitspraxis nicht nur die Naturerfahrung selbst verändert sondern umgekehrt natürliche Umgebungen auch den Zugang zu einer achtsamen Haltung erleichtern und dass Naturerfahrungen die individuelle wie interpersonale Achtsamkeit fördern.

Die obigen Erkenntnisse legen nahe, Naturaufenthalte bewusst als Ressource in Konzepte einzubinden, welche die Gesundheit von Geist und Körper erhalten oder unterstützen wollen. Diese Aspekte werden im zweiten Teil in der Sommer-Ausgabe des Achtsamen Lebens diskutiert.

 

Literatur

  • Brämer, Rainer: Grün tut uns gut. Daten und Fakten zur Renaturierung des Hightech Menschen. natursoziologie.de 5/2008.
  • Ensinger, Kerstin: Achtsamkeit, Naturerleben und die Erfahrung von Erholung. Umweltpsychologie, 20. Jg., Heft 2, 2016, 95-111.
  • Ensinger, Kerstin et al: Naturerleben und Achtsamkeit. BfN-Skripten 459. 2017
  • Huppertz, Michael & Schatanek, Verena: Achtsamkeit in der Natur. Junfermann Verlag Paderborn, 2015.
  • Jeitzinger, Denise: Der Kick für den Kopf. Nichts entspannt uns Menschen so zuverlässig wie die Natur. Studien zur Natur-Beziehung in der Hyperzivilisation. natursoziologie.de 6/2014
  • Späker, Thorsten: Rausgehen ist wie Fenster aufmachen – nur krasser! e&l – erleben und lernen 3&4/2018.

 

Wenn Du Achtsamkeit in der Natur unter Anleitung ausprobieren möchtest, schau doch mal unter meinen Veranstaltungshinweisen nach.

Wir sehen uns draußen.

Deine Sabine


Infos anfragen 0174 / 317 17 94


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