Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 2

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 2

In der Frühlingsausgabe von Achtsames Leben beschrieb der erste Teil die physiologische Wirkung von Naturaufenthalten sowie die Wirkung von Achtsamkeit in der Natur. Im zweiten Teil steht die Natur als Wirkfaktor im Kontext von Begleitungsprozessen.

Von Achtsamkeit bis Naturtherapie – die Wirkung von Naturaufenthalten in verschiedenen Kontexten

„Die Erfahrung von äußerer Natur ist auch bedeutsam für die Entwicklung der inneren Natur des Menschen“.

Ulrich Gebhard

Natur als Wirkfaktor in Coaching, Beratung und Therapie

Die Natur bzw. das Naturerleben wird hier in den Veränderungsprozess mit einbezogen. Dabei kann der gewählte Naturraum einfach unterschwellig wirken oder aktiv mitgenutzt werden.  Die positiven Wirkungen von Naturaufenthalten wie Entspannung, Aufmerksamkeitserholung, Stimmungsaufhellung, Stressabbau, besserer Konzentrationsfähigkeit usw. schaffen ideale Voraussetzungen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Daher profitieren Begleitungsprozesse wie Coaching und Therapie allein schon durch die physiologischen Wirkungen des Draußenseins. Zusätzlich verändern sich auch die mentalen Voraussetzungen: Sich in der Natur zu bewegen, schafft ein Gefühl von Abstand zum Alltag. Es entsteht mehr Offenheit und Bereitschaft zu einem Perspektivwechsel. Der Kontrast zur Lebens- und Arbeitswelt stimuliert die Nutzung der rechten Gehirnhälfte, die für unsere Kreativität zuständig ist. Bei Bewegung in der Natur schwingen sich – wie bei einer tiefen Meditation –  beide Gehirnhälften auf gleichem Rhythmus im sogenannten Alphawellenbereich ein. Sie arbeiten ideal zusammen und steigern so unsere Fähigkeit zum Lösungsdenken.

Die praktische und theoretische Einbettung des Naturkontakts in den beraterischen Bezugsrahmen hat über die vorteilhaften Effekte von Naturaufenthalten hinaus eine große Bedeutung. So verändert sich bspw. die Beziehung zwischen Coach/Therapeut und Coachee/Klient: Statt der frontalen Gesprächssituation in der Praxis gehen und blicken beide in dieselbe Richtung und sind beide als Menschen der Natur ausgesetzt. Allein schon die lockere Bewegung kann das Ansprechen der eigenen Themen erleichtern.

Im therapeutischen Bereich finden sich verschiedene Ansätze der Einbindung von Natur. Ausgangspunkt ist dabei das Naturerleben als Selbsterleben. Die Therapeutin Sandra Knümann hat bspw. als sehr wirksames Ergänzungsverfahren zur Psychotherapie den Ansatz „achtsamkeitsbasierte Naturtherapie“ entwickelt. Es finden sich noch weitere wie z.B. die systemische Naturtherapie oder die integrative Naturtherapie sowie Garten-, tiergestützte Therapie oder Wildnistherapie.

Auch aus dem Bildungsbereich sind entsprechende Vorteile von Naturkontakt bekannt. Nach dem Neurobiologen Gerald Hüther werden Lernen und Eigenverantwortung durch Naturkontakt unterstützt und „AHA-Momente“ gefördert, die meist am Anfang eines Lernprozesses stehen. Diese wiederum begünstigen sogenannte Flowerlebnisse – ein Zustand in dem eine optimale Relation zwischen Fähigkeit und Herausforderung besteht. Wiederkehrende Flow-Erlebnisse sollen laut Forschung das Empfinden von Zufriedenheit und Glück steigern.

Pädagogische Konzepte wie die Erlebnis-, Natur- und Wildnispädagogik binden den Kontext Natur schon lange als Wirk- und Lernfaktor in handlungs- und erlebnisorientierte Erfahrungsfelder mit ein.

Die systemische Prozessbegleitung nach Lindenthaler bspw. verknüpft systemische Pädagogik mit dem Erfahrungsraum Natur und setzt Wald(er)leben als zentrales Medium ein. Im Mittelpunkt steht hier das sogenannte „Elementare Arbeiten“, also Basistätigkeiten wie Campbau, Feuermachen, Orientierung u.ä., welche beim Draußenleben der Erfüllung der Grundbedürfnisse dienen und nicht nur direkte Auswirkungen haben, sondern sinnstiftend wirken können.

Der Schlüssel ist die Beziehung zur Natur

Im Gegensatz zu den physiologischen Wirkungen kann sich die pädagogische oder therapeutische Wirkung der Natur erst entwickeln, wenn der Mensch einen Zugang zu ihr findet, also mit ihr in Beziehung tritt (Kapferer, Kalff).

Foto: Sabine Rickels

 

Natur als Spiegel

Ein besonders wichtiger Faktor ist die starke Symbolik und die vielfältigen Metaphern von Naturräumen. Wir Menschen greifen gerne intuitiv nach Ausdrucksformen, die unseren eigenen Standort und und die eigenen Bedürfnisse symbolisieren. In der empirischen Psychotherapieforschung nimmt man an, dass Symbole die Funktion haben, Sinnstrukturen zu konstituieren und somit ein Zusammenhang besteht zwischen Symbolreichtum (v.a. Natursymbolisierungen) und psychischer Gesundheit. Nach Gebhard hat diese salutogenetische Perspektive von Naturerfahrung v.a. in deren Ambivalenz ihre besondere Bedeutung: denn die Natur ist voller (selbstverständlicher) widersprüchlicher Eigenschaften, angesichts derer die inneren Widersprüche der menschlichen Seele weniger bedrohlich, ja sogar aufhebbar erscheinen. Die Wahrnehmung lebendiger Prozesse in der Natur kann also helfen, sich über die Vorgänge in der eigenen Seele bewusster zu werden, denn diese verlaufen oft analog zu den Vorgängen in der Natur (z.B. sprachliche Analogien wie Aufblühen, Reifen, Fließen). Dadurch, dass die Natur einen geeigneten Resonanzraum für Analogien, Assoziationen und Denkanstöße bietet und eine große Projektionsfläche für inner-psychische Prozesse darstellt, wird sie zum Spiegel der Seele.

Natur als existenzielle Kategorie

Nach Knümann geht es zum Einen für den Menschen darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, als Naturwesen evolutionär in natürliche Zusammenhänge eingebunden zu sein. Zu begreifen, dass man selbst ein Teil der Natur ist und in ihre Rhythmen und Zyklen eingebunden ist, schafft ein Gefühl von Geborgenheit und stärkt das Prinzip der Zugehörigkeit und des Verbundenseins. Nach Kalff können Naturerfahrungen in dieser Tiefe heilsame korrigierende Erfahrungen im Bereich des Vertrauens zur Welt und zu den zugrunde liegenden Strukturen auslösen.

Die Allgegenwärtigkeit von Leben und Tod in der Natur stellt ein Bewusstsein für die eigene Endlichkeit her und kann helfen, die Bedeutung der eigenen Existenz sowie die Prioritäten im eigenen Leben neu zu überdenken. Dadurch steigen Authentizität und Lebensqualität (Kapferer).

Zum Anderen geht es darum, das eigene Leben nach diesem Bewusstsein auszurichten und damit sein Wohlbefinden selbst zu beeinflussen (Knümann). Eine naturnahe und symbolisch bedeutungsvolle Umwelt unterstützt das sogenannte Kohärenzgefühl, also „die subjektive Überzeugung, dass das Leben verständlich, beeinflussbar und bedeutungsvoll ist“ (Gebhard). Naturerfahrungen begünstigen also die Aktivierung von Selbstwirksamkeit.

Naturverbindung

2017 haben psychologische Studien in China nachgewiesen, dass bei Kindern die Naturverbundenheit in direkter positiver Relation zu ihrer seelischen Gesundheit steht. Auch bekannt ist, dass das Gefühl von Naturverbundenheit das Selbstwertgefühl steigert und zwar besonders bei Menschen, die einen Sinn für die Schönheit der Natur haben. Der Grund liegt offenbar in der Evolution: schöne, natürliche Umwelten zeigten eher Nahrungsquellen an, wodurch ein ausgeprägtes Schönheitsempfinden vermutlich eher überlebenswirksam war. Des Weiteren scheinen Zusammenhänge zwischen dem Sinn für Naturschönheit und Lebenszufriedenheit sowie Gerechtigkeits- und Fairnessempfinden zu bestehen.

Existenziell ist auch die Entstehung von Wertigkeit. Das subjektive Empfinden von Naturverbundenheit geht als wichtiger Teil des Selbstkonzepts einher mit der Entstehung eines ökologischen Bewusstseins. Außerdem fördert die Naturerfahrung das Erleben von Autonomie, die Abnahme selbstbezogenem Verhaltens und damit die Entwicklung von sozialem Bewusstsein. Aus der Forschung ist bekannt, dass das Erleben von Lebendigem in der Natur die Fähigkeit Empathie, also Mitgefühl, zu entwickeln unterstützt, weil die dafür im Gehirn zuständigen Spiegelneuronen aktiviert werden.

Es tut uns also gut in eine Verbindung zur Natur zu gehen und eine positive Beziehung zu ihr zu pflegen, weil wir damit eine positive Beziehung zu uns selbst herstellen.

Zum Weiterlesen:

  • Gebhard, Ulrich: Naturerfahrung und seelische Gesundheit -e&l – 3&4/2018.
  • Hüther, Gerald & Renz-Polster, Herbert (2016) Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.
  • Kalff, Michael (2001) Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik.
  • Kapferer, Werner (2008) Therapeutisches Arbeiten in und mit der Natur auf dem Hintergrund der Existenzanalyse. Abschlussarbeit für die fachspezifische Ausbildung in Existenzanalyse zur Erlangung des akademischen Grades MSc.
  • Knümann, Sandra (2019) Naturtherapie. Mit Naturerfahrungen Beratung und Psychotherapie bereichern.
  • Kreszmeier, Habiba (2008) Systemische Naturtherapie.
  • Lindenhaler, Christine & Lindenthaler, Hansjörg ( 2012) Natur als Partnerin. Systemische Prozessbegleitung in psychosozialen Handlungsfeldern.
Heute schon Energie getankt?

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 1

Ich habe einen Gastbeitrag geschrieben für das Magazin „Achtsames Leben“, der in der Frühjahrsausgabe 2019 erschienen ist und auch im Internet auf dem Blog der Seite zu lesen ist. Da der bisher hier gebloggte Link mittlerweile nicht mehr direkt zu dem ersten Teil des Beitrags führt sondern lange gescrollt werden muss, kann der Text auch direkt hier gelesen werden. Das Magazin ist eine kostenlose Auslage, somit entsteht dem Verlag kein Nachteil.

Der zweite Teil mit dem Fokus auf Natur als Ressource in Coaching und Therapie erschien in der Sommerausgabe und kann hier nachgelesen werden sowie in einem weiteren Blogbeitrag auf meiner Seite.

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 1

Von Achtsamkeit bis Naturtherapie – die Wirkung von Naturaufenthalten in verschiedenen Kontexten 

„In every walk with nature one receives far more than he seeks.“ John Muir

Frische Luft, ein Gang ins Grüne – Rausgehen tut gut, das ist allgemein bekannt. Seit jeher suchen Menschen instinktiv in der Natur nach Ruhe, Klarheit und Inspiration. Waren es in der Vergangenheit meist eher spirituelle Beweggründe, so ist es heute im Kontext unserer beschleunigten Lebenswelt vornehmlich die Suche nach Erholung und Entspannung. Neben den klassischen Natursportarten finden mittlerweile auch andere Aktivitäten vermehrt den Weg nach draußen: Yoga und Achtsamkeitstraining im Freien, Waldbaden, Naturcoaching, Naturtherapie u.v.m.. Aber was ist dran an dieser Naturkomponente und wie viel Potenzial hat sie? Wie wirkt Natur und kann sie uns helfen, unsere seelische und körperliche Gesundheit zu unterstützen, ja sogar uns persönlich weiterzuentwickeln? Ist es ein Unterschied, ob der gewählte Naturraum reine Kulisse ist, ob wir ihm ganz bewusst mit allen Sinnen begegnen oder ihn sogar als Resonanzraum nutzen, der uns unsere inneren Prozesse spiegelt?

In dieser und in der nächsten Ausgabe werden diese Fragen aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Der folgende Teil stellt zunächst die rein physiologischen Wirkungen vom „Draußen-Sein“ dar und erörtert die Verbindung von Achtsamkeit und Naturaufenthalten. Der zweite Teil beschreibt die Bedeutung von Naturaufenthalten als Ressource in Coachingprozessen sowie im therapeutischen Kontext.

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Wie wirken Naturaufenthalte auf Körper und Psyche?

Schon das reine „Draußen-Sein“ führt je nach Umgebung zu verschiedenen positiven Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, genauer gesagt zu physiologischen Reaktionen unseres Körpers. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen belegt mittlerweile die gesundheitsfördernde Wirkung von Naturaufenthalten. Bereits länger bekannt ist, dass Blutdruck und Puls sinken und das Stresshormon Kortisol abgebaut wird. Dass moderate UV-Sonnenstrahlung die Bildung von Vitamin D anregt, was neben der Minimierung von Gefäß-, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch Stimmung, Konzentrationsfähigkeit sowie die Immunabwehr fördert. Dass Tageslicht aufgrund der Synthese von Melatonin und Serotonin vitalisierend wirkt und dass Luftqualität und kalt-warme Temperatureinflüsse positiven Folgen für die Gesundheit haben.

Wiederholt wurde auch eine Auswirkung des Kontakts mit der Mikroflora nachgewiesen: Ein Beispiel ist das Einatmen sogenannter Terpene bei Waldaufenthalten. Diese von Nadelbäumen verströmten Abwehrstoffe wirken antibiotisch gegen Schädlinge und sind verantwortlich für eine vermehrte Produktion von Killerzellen im menschlichen Blut – das Immunsystem verbessert sich.

Auch die Wirkungsweise der Natur auf unsere Psyche beschäftigt seit Jahrzehnten die Wissenschaftler: Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Naturerleben und Stressreduktion, wie genau funktioniert der Entspannungseffekt von Naturaufenthalten? Bereits in den 90ern entwickelten dazu amerikanische Umweltpsychologen zwei Theorien:

Die Psychoevolutionäre Stresstheorie

Die Psychoevolutionäre Stresstheorie von Roger Ulrich basiert auf der Erkenntnis, dass offene, strukturierte Landschaften mit Bäumen Menschen ein großes Sicherheitsgefühl verschaffen. Dieses Gefühl stimuliert einen wichtigen Teil des vegetativen Nervensystems, den Parasympathikus und sorgt so für Entspannung. Laut Rogers verursacht ein positives Interesse an einer Landschaftsszene positive Gefühle (Gelassenheit, Sicherheit, Wohlbefinden) und eine Normalisierung physiologischer Parameter (Blutdruck, Herzfrequenz und Muskelspannung), wodurch ein Erholungseffekt entsteht. Dieser ist evolutionär bedingt und funktioniert vor allem mit visuellen Reizen aus einer Kombination von offenen Flächen, erkennbaren Mustern und Gewässern. Demnach werden Landschaften bevorzugt, die in der menschlichen Phylogenese offenbar die besten Überlebenschancen boten (moderate Komplexität, Fülle, Übersicht, Schutz, Aussicht auf Wasser und Nahrung etc.).

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Die Attention Restoration-Theory (Aufmerksamkeitserholungs-Theorie)

Die menschliche Kapazität zur bewussten und gerichteten Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Fokus ist begrenzt. Daher kann die permanente Verarbeitung von Informationen schnell zu einer mentalen Erschöpfung führen. Die Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan stellten die Theorie auf, dass beim Naturerleben Reize unwillkürlich und spontan wahrgenommen werden, was uns eine anstrengungslose Aufmerksamkeit ermöglicht und damit einen Erholungseffekt generiert.

Damit eine Umgebung entspannend sein kann, muss sie den beiden Forschern zufolge bestimmte Kriterien erfüllen. So z. B. die Möglichkeit, einen mentalen Abstand von Routine und Pflichten einnehmen zu können. Dies erfordert nicht zwingend eine örtliche große Entfernung – für manche reicht der See in der Nähe oder der Park vor dem Haus. Eine wichtige Rolle spielen hier wohl auch Kindheitserfahrungen: Oft suchen wir als Erwachsene den Naturraum, der uns als Kind bereits wichtig war. Eine entspannende Umgebung muss bereithalten, was wir gerade suchen: Ruhe, eine Möglichkeit zum Spazieren, eine schöne Aussicht. Auch eine gewisse Weite sollte sie vermitteln. Zudem erholen wir uns leichter, wenn uns eine Umgebung fasziniert.

Bei der Erforschung der Wirkung verschiedener Landschaftstypen wiesen Umweltpsychologen nach, dass neben Geräuschen und Düften auch die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts unser Wohlbefinden beeinflussen: Die im Wasser gespiegelten Blautöne des Himmels senken nachweislich Blutdruck und Puls und stehen damit für Entspannung und Ruhe. Die Farbe Grün wirkt ebenfalls beruhigend und erholsam.

Naturaufenthalte unterstützen also sowohl unsere körperliche Vitalität als auch unsere psychische Entspannung. Aber macht es denn einen Unterschied mit welcher Haltung wir draußen unterwegs sind?

Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 1

 

Das Konzept der Achtsamkeit in Verbindung mit Naturaufenthalten

Die Wirkung der Natur ist abhängig davon, wie wir ihr begegnen. Achtsamkeitspraxis in der Natur bedeutet, Natur nicht als Kulisse zu nutzen, sondern in Kontakt mit der Natur zu gehen, sich darauf zu konzentrieren, was sie in einem selbst auslöst. Eine achtsame Wahrnehmung der Natur kann eine Brücke ins „Hier und Jetzt“ sein. Allein die offene Struktur von Naturräumen fordert uns ständig zu einer wacheren Aufmerksamkeit und Präsenz auf. Alle Sinne werden intensiver, die eigene Wahrnehmungskapazität wird bereichert und die objektive Außenwelt kommt differenzierter zum Ausdruck. Diese Schärfung des Bewusstseins führt zu einer Vergrößerung des Wohlbefindens.

Das Prinzip Achtsamkeit erfährt in der psychologischen Forschung verstärkt Beachtung; viele Studien weisen u.a. eine Verminderung von Stress, Verstimmung, chronischen Schmerzen sowie die Abschwächung psychischer Störungen nach. Die Erklärungsmodelle seiner psychotherapeutischen Wirksamkeit zeigen Parallelen zur „Attention Restoration Theory“. Kaplan selbst postuliert, dass der Wechsel zum anstrengungsfreien Aufmerksamkeitsmodus sowohl über die Umwelt als auch über meditative Geisteshaltungen geschehen kann und sich beide Methoden ergänzen können. Die anstrengungslose Ausrichtung der Aufmerksamkeit ist offenbar die gemeinsame Basis von Achtsamkeit und Naturerfahrungen.

Eine Tradition medizinischer Interventionen durch Achtsamkeitsübungen in der Natur existiert bisher nur in Japan und Südkorea. 1982 prägte das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei den Begriff „Shinrin-yoku“ (Waldbaden), was meist in informellen Formen der Achtsamkeit praktiziert wird (achtsames Gehen, sitzen und wahrnehmen, atmen). Zur wissenschaftlichen Belegung der vermuteten gesundheitlichen Einflüsse wurden ganze Forschungszweige gegründet. Viele der oben beschriebenen positiven physiologischen Körperreaktionen gehen auf diese Forschungen zurück, deren Erkenntnisse in Asien zur Gründung richtiger Waldtherapie-Zentren führten. Auch in Europa findet dieses Wissen mittlerweile vermehrt Anwendung.

Doch auch wenn dem Waldbaden mehr zugrunde liegt als einfaches Spazierengehen im Wald, nämlich ein bewusster, intensiver Zugang zur Waldatmosphäre, gibt es noch relativ wenig wissenschaftliche Studien, die einen direkten Zusammenhang von Achtsamkeit und Naturerleben belegen können. Klar ist aber, dass Achtsamkeitspraxis nicht nur die Naturerfahrung selbst verändert sondern umgekehrt natürliche Umgebungen auch den Zugang zu einer achtsamen Haltung erleichtern und dass Naturerfahrungen die individuelle wie interpersonale Achtsamkeit fördern.

Die obigen Erkenntnisse legen nahe, Naturaufenthalte bewusst als Ressource in Konzepte einzubinden, welche die Gesundheit von Geist und Körper erhalten oder unterstützen wollen. Diese Aspekte werden im zweiten Teil in der Sommer-Ausgabe des Achtsamen Lebens diskutiert.

 

Literatur

  • Brämer, Rainer: Grün tut uns gut. Daten und Fakten zur Renaturierung des Hightech Menschen. natursoziologie.de 5/2008.
  • Ensinger, Kerstin: Achtsamkeit, Naturerleben und die Erfahrung von Erholung. Umweltpsychologie, 20. Jg., Heft 2, 2016, 95-111.
  • Ensinger, Kerstin et al: Naturerleben und Achtsamkeit. BfN-Skripten 459. 2017
  • Huppertz, Michael & Schatanek, Verena: Achtsamkeit in der Natur. Junfermann Verlag Paderborn, 2015.
  • Jeitzinger, Denise: Der Kick für den Kopf. Nichts entspannt uns Menschen so zuverlässig wie die Natur. Studien zur Natur-Beziehung in der Hyperzivilisation. natursoziologie.de 6/2014
  • Späker, Thorsten: Rausgehen ist wie Fenster aufmachen – nur krasser! e&l – erleben und lernen 3&4/2018.

 

Wenn Du Achtsamkeit in der Natur unter Anleitung ausprobieren möchtest, schau doch mal unter meinen Veranstaltungshinweisen nach.

Wir sehen uns draußen.

Deine Sabine

Wie der Frühling Dir helfen kann, Deine Ziele zu realisieren

Wie der Frühling Dir helfen kann, Deine Ziele zu realisieren

Geht Dir das auch so: Im Januar und Februar ist alles noch ziemlich träge, Du schälst Dich nur ungern morgens aus den Federn und hast wenig Motivation, Dinge umzusetzen.

Der Winter ist in der Natur die Zeit des Ruhens, des Reifens, der Regeneration. Wir Menschen haben zwar mit Hilfe unserer Technik gelernt, diese Rhythmen auszusetzen und leben eine ganzjährige Produktivität. Unser Körper reagiert aber auch heute noch auf den über Jahrtausende entstandenen, vom Sonnenlicht geprägten, inneren Rhythmus.

Vielleicht hast Du daher auch bereits im Verlauf des Monats März gespürt, wie Dein Tatendrang zurückkehrt. Der März ist die Brücke zwischen Winter und Frühling. Alles, was im Februar noch gewartet hat, bricht jetzt nach draußen. Im März kippt die Balance zwischen Licht und Dunkel wieder, denn am 20. März ist die Tag-Nacht-Gleiche. Jeden Tag gibt es draußen etwas Neues zu entdecken, was den Frühling ankündigt.

Diese Energie kannst Du ganz konkret für Dich und Deine Vorhaben nutzen!

Ich zeige Dir, wie Du mit Hilfe der Frühlingsnatur Deine Ziele, Ideen oder Projekte auf den Weg bringen und beim Wachsen und Entfalten unterstützen kannst.

Denn genau so wie sich draußen alles aufmacht um zu wachsen ist der März auch für Dich der geeignete Moment, ernst zu machen mit Deinen Plänen und DEN ERSTEN SCHRITT zu gehen.

Folgende Dinge helfen Dir dabei, genau herauszufinden, was Du jetzt angehen willst und was Du dafür brauchst.

Wie der Frühling Dir helfen kann, Deine Ziele zu realisierenNimm Dir Zeit für einen Spaziergang in der Natur. Versuche zunächst einmal gar nicht über irgendetwas nachzudenken sondern erfreue Dich an den vielen Frühlingsanzeichen. Setz Deinen Fokus auf alles Neue, was Du wahrnehmen kannst. Was war letzte Woche noch nicht zu sehen, zu hören, zu riechen? Was wächst, entwickelt sich, bricht nach draußen? Je mehr Deine Sinne stimuliert werden, desto offener wird Deine Wahrnehmung und das ist gut für Deine Kreativität.

Vielleicht findest Du einen schönen Platz, an dem Du eine Weile sitzen möchtest. Du kannst natürlich genauso gut weiter umherschlendern.

Nun lasse Dir folgende Fragen durch den Kopf gehen:

  • Was soll in diesem Jahr in meinem Leben wachsen?
  • Was soll sich in diesem Jahr in meinem Leben entfalten?
  • Was will ich angehen?
  • Was wünsche ich mir von ganzem Herzen, welche Pläne stehen an?
  • Was möchte ich „pflanzen“, auf den Weg bringen?
  • Welche Art von „Pflanzen“ soll es sein?
  • Stehen kurzfristige Veränderungen an  (sozusagen „einjährige“ Pflanzen)?
  • Oder größere Projekte, deren Umsetzung länger dauern wird (sozusagen „Sträucher oder  Bäume“, deren Wachstum und Entfaltung mehrere Jahre braucht)?

Vielleicht möchtest Du etwas Grundlegendes ändern in Deinem Leben oder etwas angehen, das Du schon lange vor Dir herschiebst. Oder aber Du wünschst Dir einfach nur mehr Zeit für Dich und die Dinge, die Du gerne tust.

Schreibe Deine Ziele auf. Formuliere möglichst genau, was Du angehen willst und wie das Ergebnis aussehen soll. Beschreibe sozusagen die Pflanze, die Du wachsen sehen willst. Benenne ganz konkret, was Dein erster Schritt sein muss,  damit Deine „Pflanze“ wachsen kann. Und am besten legst Du auch gleich fest, wann Du diesen Schritt tust, so wie der Bauer auch seinen Aussaatplan hat, wann er welche Pflanzen setzt.

Wie der Frühling Dir helfen kann, Deine Ziele zu realisierenAls letztes denke darüber nach, wie Du Deine „Pflanze“ pflegen musst, damit sie gut wächst und gedeiht.

  • Welches ist die richtige Nahrung für Dich und Deine Projekte, Ziele oder Ideen?
  • Was tut Dir gut?
  • Was gibt Dir Kraft?
  • Wer oder was schadet Dir, raubt Dir Kraft und hindert Deine Lebenslust und Kreativität an der Entfaltung?

In den nächsten Wochen gilt es, diese „Nahrung“ bereitzustellen. Wo findest Du sie und wie oft wird sie benötigt?

Bevor Deine Pflanze sich zeigt, muss sie erst einmal Wurzeln ausbilden. Auch Deine Projekte brauchen gute Wurzeln, um sich kraftvoll und stark entwickeln zu können. Schau also auch darauf, wodurch Du gut verwurzelt bist, was Dich erdet und Dir festen Boden unter den Füßen gibt.

Ich wünsche Dir viel Freude dabei, Deine Ziele und Ideen wachsen zu sehen.

Deine Sabine

Fotos: Manuel Sardo, Cassidy Phillips